Energiekrise Atomphysik, Wahrscheinlichkeit und Politik

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Leserforum „Technisches Versagen“, BA vom 24. September

Der Verfasser hat in seinem Leserbrief im BA vom 24.9. recht: Für ihn ist Habecks Entscheidung, zwei Atomkraftwerke vielleicht länger laufen zu lassen, „eher eine Form von ‘technischem Versagen’“. Und er versteht von Atomkraftwerken vermutlich tausendmal mehr als ich. Trotzdem dürfte er in seiner politischen Einschätzung der Entscheidung falsch liegen. Dazu ein paar Hinweise:

Als sich die führenden deutschen Atomphysiker für den friedlichen Einsatz von Atomkraft und gegen Atomwaffen für die Bundeswehr aussprachen, hatten sie recht, weil friedliche Nutzung der Atomkraft mindestens tausendmal ungefährlicher ist als die kriegerische. Zwei Atombomben auf japanische Großstädte haben mehr Unheil angerichtet als alle Atomunglücke bei der Nutzung von vielen hundert oder tausend Atomkraftwerken in Jahrzehnten.

Dennoch hat die Menschheit mit dem Einsatz dieser „Brückentechnologie“ einen Fehler gemacht, denn der wirtschaftliche Aufwand für die Entwicklung dieser Technologie hätte für die Nutzung nachhaltiger Energien betrieben werden sollen. Das zeigt der Blick darauf, wie unabsehbar die Folgen des entstandenen Atommülls in den kommenden Zehntausenden von Jahren sind.

Jetzt zur Wahrscheinlichkeitsrechnung: Im Bereich der Quantenphysik gibt es keine Ursachen und Folgen, sondern nur gewisse Wahrscheinlichkeiten für das Eintreten von Ereignissen. Atomphysiker haben am Beginn der Einführung der zivilen Nutzung der Atomkraft vorgerechnet, dass ein größter annehmbarer Unfall (GAU) unglaublich unwahrscheinlich ist. Das war richtig. Die berechnete Wahrscheinlichkeit änderte sich auch nicht, als dann ein GAU nach dem anderen eintraf. Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) sind nur die bekanntesten.

Meine Anwendung auf Habecks Entscheidung ist die: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein genauso harter Winter auftritt, dass die technische Leistung von zwei deutschen Atomkraftwerken die gesamte Stromherstellung in Europa so stark verbessert, dass ein allgemeiner Blackout verhindert wird und keine russische Rakete auf ein ukrainisches Kraftwerk dabei stört, ist gering.

Die symbolische Wirkung davon, wenn Deutschland nach dem Austritt aus dem Austritt aus der Atomkraft sich neu für Atomkraft als Brückentechnologie entschiede, ist aber kaum zu überschätzen.

Politik wird immer in Unkenntnis der genauen Bedingungen gemacht. Aber, dass sehr oft die symbolische Wirkung einer politischen Entscheidung größer ist als die unmittelbare Auswirkung auf die Gesamtsituation, hat uns Brandts Kniefall gezeigt.

Walter Böhme

Bensheim

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