Nur Geduld

Von 
Thomas Groß
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Gut Ding will Weile haben, weiß der Volksmund. Und er kennt auch die Rede vom Geduldsfaden, der lange halten soll, ehe er doch mal reißt. Von „engelhafter Geduld“ spricht man, weil überirdische Wesen uns Menschen wohl auch in dieser Hinsicht einiges voraushaben – und weil Ungeduld einem normalen hastigen Leben eher entspricht. Dabei wünschten sich gewiss viele Irdische mehr Geduld zu haben, ersehnen etwa beim unvermeidlichen Warten nicht nervös zu werden oder ruhig zuhören zu können, statt dem Gegenüber ins Wort zu fallen. Erst recht die Corona-Pandemie erfordert Geduld; da wird wohl niemand widersprechen.

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Dass Geduld (und Spucke) sich aber auszahlt, wenngleich nicht buchstäblich, bestätigt nun auch ein Fall aus Kolumbien. Wie Medienberichten zu entnehmen ist, hat dort ein älterer Herr seine Doktorarbeit zu Ende gebracht, die ihn mehr als 30 Jahre lang beschäftigt hatte. Nebenbei: Hierzulande benötigt man/frau durchschnittlich dreienhalb bis vier Jahre dafür, was einigen Ungeduldigen, darunter Bildungspolitiker, immer noch (viel) zu lange vorkommt.

Die Leitfrage der erwähnten Arbeit lautete, wie viel Wasser einem Fluss entnommen werden könne, ohne die Umwelt zu schädigen. Und um das überzeugend zu berechnen, musste eben auch viel Wasser den erwähnten Fluss hinunterfließen. Hätte es zuletzt nicht auch in dem lateinamerikanischen Land einen Corona-Lockdown gegeben, wäre der übrigens inzwischen 104 Jahre alte Mann wohl immer noch nicht fertig. So aber hatte er wenig Ablenkung und konnte sich ganz auf die Arbeit konzentrieren.

Angesichts des hohen Alters und des eher späten Promotionsbeginns lässt sich nicht einmal von einem Lebensprojekt sprechen. Aber sicher wird man dem Mann große Geduld bescheinigen – für die Arbeit und wohl auch sonst im einen oder anderen Fall seines langen Lebens. Dabei wäre es ja nur verständlich gewesen, wenn er ungeduldig geworden wäre, weil er etwa fürchtete, die Zeit könnte ihm buchstäblich davonlaufen. Vielleicht hat er sich gar mal gedacht, dass es vom Ende des Lebens her gesehen für ihn keinen Unterschied machte, ob er noch zum Ende der Arbeit kommt – hat sich dann aber ans Ideal einer wertfrei, ohne persönliche Interessen zu betreibenden Forschung erinnert und weitergemacht, ruhig und beharrlich, so wie sich der Mensch durch einen Reisberg isst. Jedenfalls ziehen wir persönlich aus der Geschichte viel Trost – und danken unseren Lesern für die Geduld bei der Lektüre. Man nehme es als Übung, aus der sich noch mal Nutzen ziehen lässt. Denn auch die nächste Situation, die Geduld erfordert, kommt bestimmt. Thomas Groß

Redaktion Kulturredakteur, zuständig für Literatur, Kunst und Film.