Corona-Christel

Von
Harald Sawatzki
Lesedauer:

Carl Zeller, ein etwas in Vergessenheit geratener österreichischer Jurist und Komponist, glänzte vor 130 Jahren – ob er’s wollte oder nicht – mit prophetischen, fast hellseherischen Gaben. In seinem 1891 in Wien uraufgeführten fröhlichen Rührstück „Der Vogelhändler“, einer feinen Schmonzette aus der Hochzeit des Operettenwesens, trällert eine Maid nach den Avancen, die ihr ein gewisser Adam macht: „Nu-hur nicht gleich, nicht auf der Stell’, denn bei der Post geht’s nicht so schnell“. Ihr Name: Christel von der Post. Ihr Beruf: Postbotin in der Pfalz. Ihr Amt, so singt sie, sei „herrlich, wenn auch gefährlich“.

AdUnit urban-intext1

Wir wissen nicht, ob die Christel ihren Verehrern noch mit der Postkutsche oder schon mit einem nagelneuen „Benz“ zu entkommen versuchte, wir wissen aber, dass der Verkauf von Briefmarken in jenen Tagen nicht unbedingt schneller vorankam als in diesen pandemischen Zeiten, in denen uns allen ganz besonders eines abverlangt wird: Geduld. Wo es etwas zu kaufen gibt, schnarren die elektronischen Kassen erst für diejenigen, die sich zuvor in Warteschlangen eingereiht haben. Das gilt für den Bäcker, den Metzger – und auch für die Post AG am Mannheimer Post-Paradestück in O 2. Wer dort die langen Reihen umgehen und die Zeit nicht mangels anderer Ideen „totschlagen“ möchte, der sieht, während er sich die Füße geduldig vertritt, das Rettende gleich nebenan am Haupteingang: Dort lockt ein gelber Briefmarkenautomat – der scheint die Lösung. Also Kleingeld raus und rein damit in den Kasten.

Von wegen – das Ding ist kaputt. Also der nächste Versuch an der gegenüberliegenden Seite des Gebäudes: Auch dort nur der Hinweis – außer Betrieb. Des Rätsels Lösung gibt’s am Schalter: Für die Automaten existierten keine Ersatzteile mehr, heißt es. Außerdem drohten im Rahmen der Gebäudesanierung womöglich bisher unbekannte Veränderungen. Zuständig sei man als Postbanker ohnehin nicht. Verantwortung trage die Post AG. Das nennt sich dann – Schlangen hin oder her – Kundendienst in Coronazeiten. Harald Sawatzki