Klimawandel - Im Weinheimer Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof war 2020 nicht nur Corona ein großes Thema Wenn es dem Mammutbaum zu heiß wird

Von 
Jürgen Drawitsch
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Eine Farbenpracht, nach der sich viele wieder besonders sehnen: Im April 2020 und auch ein paar Tage im Mai musste der Hermannshof wegen Corona geschlossen bleiben. Die Tulpenblüte konnte nicht die übliche Besuchermenge anziehen. Für dieses Jahr hofft man auf bessere Zeiten. © Busse

Weinheim. Fast 200 Millimeter Niederschlag weniger als üblich gab es im vergangenen Jahr im Hermannshof in Weinheim. „Im März und April fiel kein Tropfen Regen. Wir mussten sogar die gepflanzten Zwiebeln wässern“, sagt Gartenleiter Professor Cassian Schmidt. Folgen der Klimaveränderung zeigen sich auch in dem gut 2,2 Hektar großen Schau- und Sichtungsgarten. Einige Gewächse haben mit Folgen zu kämpfen.

Hermannshof Weinheim

Der Garten verdankt seinen Namen Hermann Ernst Freudenberg.

Unter ihm kam die 1820 erbaute Villa mit Park 1888 in den Besitz der Familie Freudenberg.

Im Jahr 1983 wurde das Anwesen in die Stiftung „Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof e. V.“ überführt.

Seitdem ist der Garten öffentlich.

Anfällig für Pilzbefall

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Ein Beispiel ist der rund 30 Meter hohe, 1888 gepflanzte Mammutbaum neben der Gartenvilla. Aus höheren Regionen Kaliforniens stammend, ist der Baumriese eher kühlere Durchschnittstemperaturen gewöhnt, als sie in den vergangenen Jahren in Weinheim zu verzeichnen waren. Wenn die Tagestemperatur im Sommer an die 40 Grad heranreicht, leidet der immergrüne Baum. „Dann bekommen auch manche Pflanzen Fieber und ihre Zellen werden geschädigt“, erklärt Schmidt. Ein vorgeschädigter Baum ist anfällig für Pilzbefall. Der Pilz, der am Mammutbaum für dürre braune Astbereiche sorgt, kommt aus dem Mittelmeergebiet. Dann ist es nötig, die befallenen Äste auszuschneiden. Ein solcher Arbeitseinsatz kostet um die 3000 Euro. „Wir haben es noch im Griff, aber natürlich beobachten wir die Entwicklung genau“, sagt der Gartenleiter.

Im Hermannshof war man bezüglich klimatischer Veränderungen schon immer vorausschauend. Schon vor Jahren wurde beispielsweise ein gut durchdachtes und zentral zu steuerndes Tröpfchen-Bewässerungssystem in verschiedenen Pflanzbereichen angelegt. Auch der regelmäßige Erfahrungsaustausch mit rund 250 botanischen Gärten in aller Welt ist beim Thema Klimawandel hilfreich.

Die Trockenheitstoleranz verschiedener Pflanzen wird beobachtet. Das gilt auch für das Zusammenspiel von Insekten und Pflanzen. Sollten im Sommer wieder Führungen für kleinere Gruppen möglich sein, würde Cassian Schmidt gerne Insektenaspekte thematisieren. Was viele nicht wissen: Im Hermannshof gibt es auch, je nach Nahrungsangebot, zwischen fünf und elf Völker Honigbienen. Der erste Pollenlieferant im Jahr für Honigbiene, Wildbiene und Hummel ist der Elfenkrokus.

Tulpenblüte im Lockdown

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Die Corona-Pandemie und ihre Verordnungen wirkten sich im vergangenen Jahr drastisch auf die Besucherzahlen aus. Der April ist mit rund 50 000 Gästen normalerweise ein besonders besucherstarker Monat. 2020 war der Hermannshof zu dieser Zeit geschlossen. Die prachtvollen Tulpen, die sonst Besucher von weit her nach Weinheim locken, blühten deshalb zeitweise alleine vor sich hin.

Im Mai kamen statt 27 900 Gäste im Jahr 2019 im vergangenen Jahr nur 9200 Besucher, da auch erst während des Monats geöffnet werden konnte.

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Wer sich heute in den Schau- und Sichtungsgarten begibt, wird durch ein Wegesystem mit Einbahnstraßen geleitet, um Gegenverkehr im Besucherstrom zu vermeiden. Die Corona-konformen Verhaltensregeln sind auch auf der Homepage des Hermannshofs im Internet genau aufgeführt.

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Das Ergebnis eigener Einnahmen der Einrichtung kann sich 2020 trotz Corona durchaus sehen lassen. Obwohl die Tage der offenen Tür mit Pflanzenverkauf nicht stattfinden konnten, lief der Verkauf von Stauden und Gehölzen aus dem Anzuchtbereich ganz hervorragend übers Internet. „Da hat sich der Trend zur Natur, den Corona ausgelöst hat, auch bei uns gezeigt“, sagt Schmidt. Die Pflanzenliebhaber versorgten sich rege für den eigenen Garten mit Saatgut und Pflanzen.

Die digitale Präsenz wuchs im Übrigen auch. Während der zwangsläufigen Schließung des Gartens stellte Schmidt immer wieder aktuelle Bilder ins Netz. Unter dem Motto „Neues vom Staudenprofi“ gab es wöchentlich neue Informationen, die bis zu 17 000 Mal pro Monat aufgerufen wurden. Außerdem wurden Videos mit der Drohne gedreht, so dass man wenigstens virtuell einen kleinen Spaziergang zwischen Tulpen, Lilien, Präriestauden, Gräsern oder Glyzinien genießen konnte.

Das Live-Erlebnis Hermannshof kann dies alles natürlich nicht ersetzen. Noch kann man unter Einhaltung von Maskenpflicht und Abstandsregeln durch den Garten spazieren und darauf hoffen, dass sich Alpenveilchen, Winterlinge und Schneeglöckchen bald als Erste zeigen, um ein neues Vegetationsjahr im Hermannshof einzuläuten.