GEBURTSHAUS eines Staatsmannes

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Konstantin Groß
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Von Konstantin Gross

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An den vor 150 Jahren geborenen ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert zu erinnern, ist Aufgabe einer Gedenkstätte, die seit 1989 an authentischem Ort wirkt: im Haus Pfaffengasse 18 in der Heidelberger Altstadt, in dem Ebert am 4. Februar 1871 zur Welt kam. Hier wird sein Lebensweg erfahrbar, der „durch seine Kindheit und Jugend in Heidelberg geprägt ist“, wie Professor Walter Mühlhausen sagt. Der Leiter der Gedenkstätte ist Autor einer 1064 Seiten starken Biografie über Ebert, die als Standardwerk gilt.

Vater stammt aus dem Odenwald

Eberts Geburtshaus. © Herre

Eberts Vater, aus Krumbach im Odenwald stammend, ist Schneider, die Familie bewohnt die erste Etage des Hauses nahe der Heiliggeistkirche – drei kleine Räume, zusammen 46 Quadratmeter. Drei der neun Kinder sterben, bevor sie drei Jahre alt sind. Die überlebenden sechs schlafen gemeinsam in zwei Bettchen. Bad gibt es nicht, Toilette nur im Hof. „Das alles ist bescheiden, aber nicht ärmlich“, weiß Mühlhausen.

Friedrich Ebert lernt Sattler, geht auf die Walz, wird Parteifunktionär in Bremen, 1919 Staatsoberhaupt der ersten deutschen Republik. Er plant, seinen Lebensabend in Heidelberg zu verbringen. Doch das ist ihm nicht gegönnt. Mit nur 54 Jahren stirbt er am 28. Februar 1925 an einer verschleppten Blinddarmentzündung. Sein Leichnam wird in seine Geburtsstadt überführt und auf dem hiesigen Bergfriedhof beigesetzt.

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Mit der Wahl des greisen kaiserlichen Feldmarschalls Paul von Hindenburg zu Eberts Nachfolger 1925 wird ein Gegner der Republik deren Oberhaupt, das denn auch 1933 Hitler den Weg ebnet. Die Nazis, für die Ebert einer der „Novemberverbrecher“ ist, erklären sogar die Briefmarken mit seinem Antlitz für ungültig; sein Grab jedoch bleibt wie durch ein Wunder unangetastet.

Riss durch die Familie

Das Kriegsende spaltet die Familie: Ein Sohn, ebenfalls mit Namen Friedrich Ebert (1894-1979), sieht nach all den Erfahrungen die DDR als besseren Teil des neuen Deutschlands an, wird 1948 bis 1967 Oberbürgermeister von Ost-Berlin und als Mitglied des SED-Politbüros Teil des dortigen Unterdrückungsapparates; sein Bruder Karl (1899-1975) ist in Baden-Württemberg Landtagsabgeordneter der SPD und wie diese streng antikommunistisch. Eberts Witwe Louise, während der Amtszeit ihres Mannes erste bürgerliche „First Lady“ des Reiches, zieht nach dem Kriege von Berlin nach Heidelberg. In der Quinckestraße 62 lebt sie zurückgezogen, bis sie 1955 im 82. Lebensjahr stirbt. An ihren Mann erinnern zunächst nur Straßen, Brücken und Hallen.

Seit 1962 öffentlich zugänglich

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Erst 1962 wird auf Initiative der Stadt Heidelberg und der SPD die Wohnung in der Pfaffengasse 18 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die Logistik ist noch recht provisorisch; eine Nachbarin hütet den Schlüssel. 1986 beschließt der Deutsche Bundestag zur Trägerschaft der hiesigen Gedenkstätte die Gründung einer Bundesstiftung. Nur die Grünen votieren dagegen; ihr Abgeordneter Hans-Christian Ströbele argumentiert, Ebert sei kein Vorbild, da er 1918/19 die Arbeiter- und Soldatenräte bekämpft habe, die eine neue Form der Demokratie hätten sein können.

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Im Zuge der Heidelberger Altstadtsanierung wird Eberts Geburtshaus restauriert, die elterliche Wohnung zeitgenössisch nachgebaut, in einem Nachbargebäude eine Ausstellung installiert, ein weiteres zum Sitz der Stiftung. 1989 weiht Eberts später Nachfolger an der Staatsspitze, Bundespräsident Richard von Weizsäcker, das Ensemble ein.

Große Besucherresonanz

Die deutsche Einheit führt auch zur Familienzusammenführung bei den Eberts: 1990 besuchen die Söhne des Ostberliner Friedrichs die Gedenkstätte. Als „Akt familiärer Friedensstiftung“ (Mühlhausen) übergeben sie das Original der Totenmaske, die der Bildhauer Georg Kolbe (1877-1947) Ebert 1925 abnahm. Seither ist sie eine der Publikumsattraktionen in der Gedenkstätte.

Das Interesse ist erfreulich groß. Jährlich kommen bis zu 70 000 Besucher – Tendenz steigend. 2016 wird bei der Gesamtzahl die 1,5-Millionen-Marke überschritten. Unerlässlich scheint diese Werbung für die Demokratie allemal: Der Vorwurf des „Landesverrats“ an Repräsentanten des demokratischen Systems, herabsetzende, beleidigende Darstellungen der Person – der einstige Umgang von Rechts mit Ebert erscheint aktuell. Bedenklich aktuell.

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