WASSERTURM statt Kaffeemühle

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pwr
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Der Begriff „Wutbürger“ ist noch nicht erfunden. Aber wütend sind die Mannheimer damals, Mitte der 50er Jahre, durchaus. Schließlich soll ihr Wahrzeichen, ihr geliebter Wasserturm, abgerissen und durch eine „gläserne Kaffeemühle“ ersetzt werden, wie ein Leserbriefschreiber schimpft. Doch genau das wird verhindert.

Ein gläsernes Café und darüber ein futuristischer Wasserbehälter – so sah der Entwurf für den Wasserturm aus. © Archiv
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Der Mannheimer Wasserturm hatte während des Zweiten Weltkriegs in der heftigen Bombennacht von 5. auf 6. September 1943 einen Volltreffer abbekommen. Die charakteristische Spitze war weg, doch seine Mauern standen noch. Der Turm ragte heraus aus den Ruinen, indes nur mit einem flachen, modernden Notdach aus Holz und Dachpappe bedeckt und immer mal wieder fielen Steine herab. Die Technik funktionierte aber noch, der Turm ging schnell wieder in Betrieb.

Dennoch wurde ein Abriss erwogen – es war die Zeit, in der alte Gebäude, da ohnehin stark beschädigt, zur Disposition standen und manch einer auch das Mannheimer Schloss plattmachen wollte. 1955 schrieb die Stadt einen Architektenwettbewerb aus und sammelt Ideen für den Wiederaufbau. „Rein restaurative Vorschläge“ wolle man nicht, hieß es, sondern „eine saubere Verbindung von altem Bestand und neuen Bedürfnissen“.

Weg mit den Schnörkeln

116 Architekten beteiligen sich mit 132 Entwürfen. Im Mai 1956 entschied sich ein Preisgericht für das Turmmodell von Rolf Volhard aus Frankfurt. Er wollte den alten Turmstumpf von allen noch bestehenden Schnörkeln befreien, darauf ein gläsernes, weit ausladendes, sechs Meter hohes Turmcafé für mehr als 300 Gäste platzieren und darüber als Wassertank einen modernen Baukörper.

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„Wasserkopf“, „gläserne Kaffeemühle“ oder „fliegende Untertasse“ wurde der Entwurf schnell genannt. Denn den Mannheimern gefiel er nicht und ein Proteststurm entlud sich. 10 000 Besucher strömten zur Ausstellung im Landgericht in der gerade teilweise sanierten Schlossruine, wo die teils sehr kühnen und modernistischen Modelle der Architekten zu sehen waren. Und beim Mannheimer Morgen stapelten sich die Leserbriefe – 426 waren es am Ende zu diesem Thema.

„Wenn ein Mannheimer seinen alten Wasserturm nicht mehr sieht, ist er krank. Er soll wieder aufgebaut werden, wie er war. Kitsch haben wir schon genug in Mannheim“, so ein Leser. Auch „Unmöglich!“, „missgestaltetes Bauwerk“, „Schildbürgerstreich“, „Mondkugel“ und „indiskutabel“ hieß es wütend in den Briefen. „Auf keinen Fall soll unser Wasserturm so verunstaltet werden“, warnte einer. Die futuristischen Visionen wurden in Bausch und Bogen verdammt, ein von Architekt und Verwaltung vorgesehenes Café in der Turmspitze als unnötig abgelehnt.

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1956 war noch lange vor der Erfindung von repräsentativen Umfragen, von Internetforen oder Meinungsäußerungen bei Facebook oder Twitter. Man musste schon zu einer Postkarte greifen oder einen Brief schreiben, ihn mit einer Briefmarke versehen und zum Postkasten tragen. Der Mannheimer Morgen druckte dann am 14. und 19. Mai 1956 im Lokalteil einen kleinen „Stimmzettel“ ab – „Leser sagen ihre Wasserturm-Meinung“, hieß es da. Man konnte ankreuzen, ob man Rolf Volhards Entwurf oder einen anderen favorisierte, das Zettelchen ausschneiden und absenden.

Riesige Resonanz

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Die Resonanz war überwältigend – obwohl das Abstimmen damals viel mehr Mühe machte als heute der Klick im Internet. „Es war unvorstellbar“, schrieb seinerzeit Heinz Schneekloth, damals Leiter der Lokalredaktion des Mannheimer Morgen, und bekannte: „Diesen Sturm hatten wir nicht erwartet!“ Binnen etwas mehr als einer Woche gingen 4868 ausgefüllte Coupons bei der Lokalredaktion ein, und das Ergebnis war klar: 84,3 Prozent der Absender sprachen sich für den Wiederaufbau des Wasserturms in seiner alten Form aus, nur wenige für die „Schneekugel“.

Und tatsächlich: Der Gemeinderat lenkte ein, verwarf das Ergebnis des Preisgerichts und einigte sich auf den Entwurf Nummer 90, von der Jury gar nicht beachtet. Die Neuostheimer Architekten Ferdinand und Heinrich Mündel hatten nur, wie technisch gefordert, einen etwas höheren Wasserbehälter als in der Ursprungsform vorgesehen und das historische Vorbild sonst erhalten. Somit stand der Mannheimer Wasserturm ab November 1963, als die neue Figur der Amphitrite an die Spitze gesetzt wurde, bis heute wieder so da wie einst. pwr