Reise

Seen in der Wüste: Namibia

Namibias lebensfeindliche Wüstenlandschaft hat sich verwandelt: Nach Jahren der Dürre gab es endlich wieder Regen. Zwischen den Dünen der Namib und den Schluchten der Naukluftberge sprießt Gras. Lilienfelder zieren einst karge Lehmpfannen, das staubtrockene Sossusvlei hat sich in einen See verwandelt.

Von 
Helge Bendl
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Ein seltener Anblick: Wasser in der Namibwüste © Helge Bendl

Raus aus dem Bett, rein in die Windjacke, raus ins Freie! Sobald die Sonne die Gipfel der Berge im Osten erklommen hat, leuchten sie purpurrot: Dünen, mal sternförmig mit kantigen Spitzen, mal wie weiche Daunenkissen nebeneinander geschichtet. Sandwelle folgt auf Sandwelle – eine wogende Landschaft so weit das Auge reicht, scheinbar unendlich wie ein Ozean.

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Seit Millionen von Jahren erglüht die älteste Wüste der Welt jeden Morgen aufs Neue. Doch nun setzt die Natur ein Ausrufezeichen und ergänzt die Palette aus Ockertönen um die Schattierungen saftigen Lebens. Nach Jahren der Dürre hat es im Südwesten Namibias ausgiebig geregnet. Nun breiten sich Wiesen aus, wo sonst nur toter Stein zu leben scheint. Versiegte Quellen sprudeln wieder. Und mitten im Sandmeer der Namib spiegeln keine Fata Morganas glitzerndes Wasser vor: Die Lehmpfannen haben sich tatsächlich in Seen verwandelt.

Namibia

Anreise Mit der Bahn nach Frankfurt, dann nach Windhuk mit Lufthansa (www.lufthansa.com). Bei Einreise muss ein negativer Covid-19-Test vorgelegt werden. Aktuelle Infos unter www.auswaertiges-amt.de.

Unterkunft Im Süden des Namib Rand Nature Reserve liegen drei einsame Campingplätze (ab 40 Euro) und ein Farmhaus (ab 60 Euro, www.nrfhideout.com). Für nachhaltigen Ökotourismus steht Wolwedans. Hier schläft man klassisch in der Lodge oder in „Star Beds“ unter dem Sternenhimmel. Übernachtung mit HP ab 340 Euro, www.wolwedans.com. Zwischen Namibwüste und Tsarisbergen liegt die Desert Homestead Lodge. Die Landschaft lässt sich hier zu Fuß erleben, beim zwölf Kilometer langen Namib Mountain Trail, Übernachtung mit HP ab 125 Euro p. P., www.ondili.com.

Aktivitäten Zur mit Wasser geführten Lehmpfanne Sossusvlei im Namib-Naukluft-Park kommt man mit dem Auto (Eintritt und Fahrzeug etwa elf Euro). Aus der Luft erlebt man die Namib per Ballon (400 Euro pro Person, www.balloon-safaris.com).

Veranstalter Abendsonne Afrika organisiert 13-tägige Selbstfahrer-Touren mit vorab gebuchten Unterkünften (ab 895 Euro pro Person zuzüglich Mietwagen) und von einem deutschsprachigen Guide geführte zwölftägige Reisen in der Kleingruppe (ab 2798 Euro pro Person, www.abendsonneafrika.de). Geoplan Reisen bietet eine 15-tägige Flugsafari zu den Highlights Namibias mit Badeverlängerung auf Mauritius (mit Flug ab 8960 Euro pro Person, www.geoplan-reisen.de).

Allgemeine Informationen www.namibia-tourism.com

„2021 gab es vor allem in den Naukluftbergen reichlich Niederschlag“, erklärt Manie Le Roux, Chefaufseher im 50 000 Quadratkilometer großen Namib-Naukluft-Nationalpark. In den letzten Jahren fanden die Hartmann-Bergzebras dort wegen der Dürre kaum noch etwas zu fressen und wanderten in großen Herden hinunter in die Ebenen. Nun sind sie zurück in ihrem angestammten Territorium und dürften sich dort fühlen wie im Schlaraffenland. Denn in den Bergen steht so viel Gras, wie es die Rinder- und Ziegenfarmer der Region lange nicht gesehen haben.

Mit über 200 000 Hektar Fläche ist das Namib Rand Nature Reserve mehr als doppelt so groß wie Berlin. Seit über 25 Jahren setzt man hier in den Camps von Wolwedans auf sanften Tourismus. Doch selbst erfahrene Guides wie Mario Irion müssen nun in Botanik-Handbüchern nachschlagen, wenn sie zwischen den Dünen unterwegs sind. „Die Blumen, die Insekten: Ich dachte, ich würde mich auskennen. Doch jetzt ist alles neu für mich – und es geht wieder mit dem Lernen los“, meint der sympathische junge Mann. Astern und Butterblumen, Nesterkraut und Morgenstern, Damaraland-Erbsen und Kap-Sesam sind gerade allgegenwärtig. Doch wer weiß schon, welche Arten anschließend übernehmen?

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Nach acht Jahren Trockenheit mit zum Teil nur 20 Millimeter Niederschlag pro Regensaison ist die Dürre nun hoffentlich vorbei. „Bis sich alles erholt, braucht es jetzt aber noch weitere gute Jahre“, meint Lee Tindall, Forschungsbeauftragte im Namib Rand Nature Reserve. Das Konzept des Naturschutzgebiets, dem Wild Freiraum zu geben, statt das Land durch Zäune zu parzellieren, hat sich in den schwierigen Jahren als Segen erwiesen. Auf der Suche nach Futter und Wasser können Oryxantilopen und Springböcke heute wieder wandern wie früher. Untersuchungen zeigen, dass sie dabei Hunderte Kilometer zurücklegen.

Auch das sich in den eigentlich trockenen Flüssen, genannt Riviere, sammelnde Wasser nimmt eine weite Reise, bis die Fluten am Ende von den Dünen der Namib gestoppt werden. Nach dem starken Regen in den Naukluftbergen haben mit dem Tsondab und dem Tsauchab Anfang des Jahres gleich beide großen Trockenflüsse in ihrer kompletten Breite begonnen, Wasser zu führen. Um das zu erkennen, geht es in die Luft, für einen Rundflug im Kleinflugzeug und eine morgendliche Fahrt im Heißluftballon. Denn seit sich die Landschaft verwandelt hat, ist der Blick aus der Luft ein neuer.

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Der Fluss Tsauchab hat den Sesriem Canyon geflutet – das Wasser steht hier Monate später immer noch. Etwas weiter sieht man rote Dünen, bläulich schimmernde Marmorberge und die grünen Galeriewälder der Trockenflüsse, gesäumt von knorrigen Kameldornbäumen. Im Osten, wo die Savanne beginnt, perforieren runde Stellen das sich gelb und braun verfärbende Gras. Die sogenannten Feenkreise werden vermutlich von knabbernden Termiten gebildet.

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Um das ganze Ausmaß des Regens zu erfassen, geht es mit dem Auto die 60 Kilometer vom Parkeingang des Namib-Naukluft-Nationalparks in Sesriem ans Ende des Tals. Dort haben sich die Dünen entschieden, nicht mehr weiterzuwandern, und versperren so dem Tsauchab den Weg zur Küste. Erstmals seit 2011 ist die Lehmpfanne Sossusvlei nun wieder vollgelaufen. Wer auf die Düne Big Mama klettert, sieht auch Wasser im Naravlei, wo viele Wüstenmelonen wachsen. Sogar die große Cessna Pan hat sich in einen See verwandelt. Uralte Bäume spiegeln sich im Wasser, Libellen summen, Frösche quaken.

„Überall ist Wasser – so viel, wie ich es in meinen 18 Jahren im Park noch nie gesehen habe“, meint Manie Le Roux, der Chief Warden des Namib-Naukluft-Parks. Seine Prognose: Bis in den Juli hinein, vielleicht August, wird man das Wunder der Natur noch erleben können.