Reise

Rokoko mit Mondlandung

Im oberbayerischen Pfaffenwinkel treffen Tradition und Bilderbuchlandschaft auf Weltkultur und Science-Fiction-Kulisse.

Von 
Jochen Müssig
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Die Erdfunkstelle Raisting steht direkt neben der Kapelle St. Johann auf Heiligenstätten. © Jochen Müssig

Aber da sind ja gar keine Astronauten“, sagt das kleine Mädchen mit großen Augen vor der Antenne 1. Irgendwie würde es schon passen, wenn da jetzt Menschen in Marsanzügen vor den riesigen Parabolspiegeln herumlaufen würden. Das Bild wäre noch surrealer, als es eh schon ist: Oberbayerische Bilderbuchlandschaft trifft auf Science-Fiction. Das Mädchen wirkt enttäuscht, als Papa erklärt, dass diese Antenne 1 dafür sorgte, dass 1969 Fernsehbilder von der Mondlandung in die deutschen Wohnzimmer flimmerten.

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Oberbayern

Unterkunft Der Scholderhof bietet schöne Zimmer und Ferienwohnungen. Übernachtung ab 70 Euro, www.bauernhof-urlaub.com/ ferienhof/scholderhof-steingaden. Im Kloster Benediktbeuern stehen einfache, aber liebevoll eingerichtete Zimmer ab 85 Euro bereit, www.kloster-benediktbeuern.de. Wer Holz liebt, es aber modern haben möchte, wählt den Pöltner Hof, DZ ab 130 Euro, www.hotel-weilheim.de.

Essen und Trinken Ochsenbackerl oder Saibling gibt’s in Peißenberg im Gasthaus Sonne, www.sonne-peissenberg.com. Die Schönegger Käse-Alm ist berühmt für Kasspatzen, www.schoenegger.com.

Aktivitäten Pfaffenwinkler Milchweg (ca. 4 km) in Rottenbuch mit zehn Erlebnisstationen, www.pfaffenwinkler-milchweg.de. Erdfunkstelle Raisting (ab September): https://radom-raisting.bayern. Wieskirche, https://wieskirche.de; Pfarrkirche Rottenbuch, www.pv-rottenbuch.de/ rottenbuch/pfarrkirche; www.andechs.de und www.kloster-ettal.de, alle jeweils 8-18 Uhr.

Allgemeine Informationen www.pfaffen-winkel.de; www.oberbayern.de.

Radom, wie die Antenne 1 in Raisting heißt, war die wichtigste Erdfunkstelle Deutschlands: „Sie ermöglichte 1964 die erste Live-Fernsehübertragung, löste 1965 mit Satellitenkanälen die Unterseekabel von Deutschland nach Übersee ab und vollbrachte den ersten Schritt vom analogen ins digitale Zeitalter“, erklärt René Jakob, Geschäftsführer der Radom GmbH. Und sie ermöglichte eben, dass Neil Armstrongs „kleiner Schritt für mich, aber ein großer für die Menschheit“ auch in der Bundesrepublik zu sehen war. Jetzt wird das Industriedenkmal, das 1985 außer Betrieb gestellt wurde, fit gemacht, um ab September mit Ausstellungen und Breitwandkino von den Anfängen des digitalen Lebens erzählen zu können.

Der Pfaffenwinkel: ein Stück perfektes Oberbayern mit Stallgeruch, wo nicht weniger als rund 160 Kirchtürme in den weiß-blauen Himmel ragen. Die Erdfunkstelle Raisting wirkt da wie fehl am Platz, wurde aber wie gottgegeben angenommen: „Die Dinger standen einfach da“, erinnert sich der Käser Sepp Krönauer von der Schönegger Käse-Alm. „Da wurde nichts reininterpretiert“, sagt der 58-Jährige, der in den 1980er Jahren Käse aus dem Kofferraum verkaufte und heute selbst 30 Sorten Käse ausschließlich aus Heumilch herstellt.

Die genauen Grenzen des Pfaffenwinkels definieren sich durch den Standort von zwölf Klöstern, von denen die Hälfte nach der Säkularisation 1803 wieder besiedelt wurde und bis heute aktiv ist, wenn auch nur manchmal von drei Schwestern wie in Polling. „Im Heiligen Römischen Reich gab es keine größere Dichte an Klöstern und Kirchen als im Pfaffenwinkel“, sagt Joachim Heberlein, der Stadtarchivar von Weilheim.

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Das bekannteste ist Kloster Andechs, das befleckteste ist Kloster Ettal: Dort waren segnende auch misshandelnde Hände. Über 30 Jahre lang kam es im Klosterinternat durch Patres zu körperlicher und sexueller Gewalt.

„Als der Name Pfaffenwinkel Mitte des 18. Jahrhunderts auftaucht, galt Pfaffe nicht als Schimpfwort. Der Pfaffenwinkel war einfach nur die Pfarrersecke“, sagt Heberlein. Und, wie immer, wenn es um den Klerus ging, war dort nicht nur das Brot und Bier, sondern auch das Wissen zu Hause. So gilt der Pollinger Mönch Franziskus Töpsl als treibende Kraft für die Gründung der Bayerischen Akademie der Wissenschaft. Forschung und Entwicklung waren also weit vor der Antenne 1 ein Thema im Winkel.

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Andererseits gibt es kaum eine andere Gegend, wo man der Welt der Kreuze, Monstranzen und Reliquien, der Welt der Wallfahrer, Büßer und Beter näher kommt. Und die Wieskirche von 1757 ist die Krönung der vielen Kirchturmhauben, ein kleiner Riese, ein Raumwunder und Weltkulturerbe. Anders als in Raisting, wo die Technik auf den ersten Blick unübersehbar ist, offenbart die Wieskirche ihre verschwenderische Schönheit erst beim Betreten des ovalen Hauptraums.

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Über den Kirchenbänken wölbt sich der Himmel, das Deckenfresko im Trompe-l’Œil-Stil von Johann Baptist Zimmermann, die Himmelspforte allerdings ist verschlossen. Bitt- und Dankesbriefe hängen an der Wand: Es geht um die Gesundheit, auch um Liebe („Bitte gib mir diesen Mann“) und um Corona („Wir brauchen doch eine weise Führung“).

Und warum das alles? Weil eine Bäuerin 1738 die Tränen des Gegeißelten Heiland auf der Wies gesehen haben will. Vermeintliche Tränen des Herrgotts oder nur Tau? Das Tränenwunder sprach sich herum. Bis heute kommen rund 170 Pilgergruppen – aber auch eine Million Besucher pro Jahr, die vor allem „die formvollendetste Rokoko-Kirche der Weltgeschichte“ sehen wollen, so Wiespfarrer Gottfried Fellner.

Die Kirche gehört nach dem Aachener (1978) und Speyrer Dom (1981) sowie der Würzburger Residenz (1982) zu den ältesten Weltkulturerbestätten in Deutschland. 1983 wurde sie in die Liste aufgenommen. Ob sie von dort wieder verschwindet, hängt von der angedachten Errichtung dreier Windräder in der Nähe ab, die laut Unesco den Welterbestatus gefährdet. Entschieden ist aber noch nichts.

420 Engel beschützen die Wieskirche. Und der Pfarrer: Von seinem Wohnzimmer blickt er per Video in die Kirche, und vom Wohnzimmer kommt er auch direkt in den Kirchenraum. „Manchmal muss ich mahnend eingreifen und um Ruhe und Respekt bitten“, sagt er. Die Japaner gehorchen sofort. Russen und Chinesen nicht. „Die Leute von heute sind gottgläubig, nicht kirchengläubig“, sagt er.

Dabei sei die Wies doch in erster Linie ein Gnadenort, so der Monsignore, der es sich nicht nehmen lässt, trotz seiner 76 Jahre selbst die meisten Kirchenführungen zu übernehmen. „An diesem Ort wohnt ja das Glück, hier ist mein Herz zu Hause“, sagt der Pfarrer. Das Motto steht sogar auf seiner Visitenkarte.

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