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Im Westen viel Neues

Keine Lust auf die angesagten Berliner Hipster-Viertel Neukölln, Friedrichshain oder Mitte, wo die Leute so cool sind, dass sie nur noch Englisch sprechen? Dann auf ins gute, alte Charlottenburg.

Von 
Susanne Hamann
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Der Kurfürstendamm ist das pulsierende Herz des Berliner Stadtteils Charlottenburg (Bild oben). Wo sich heute der Kiez rund um den Klausenerplatz befindet, war einst das Dorf Lietzow (Bild unten). © Imago/Jürgen Ritter, Imago/Andreas Gora

Sophie Charlotte war kein Fan der Innenstadt. Die aus Hannover stammende Kurfürstin wohnte nicht gern im Berliner Schloss und wünschte sich ein ruhiges Plätzchen im Grünen. Also ließ ihr Mann, Kurfürst Friedrich III. von Preußen, nordwestlich des Zentrums eine Sommerresidenz errichten. Weil die auf der Gemarkung des Ortes Lietzow stand, nannte man den Bau Schloss Lietzenburg. „Wir befinden uns hier in Alt-Lietzow“, sagt Stadtführerin Claudia Häuser-Mogge. Aha, daher hat der Lietzensee also seinen Namen. Dass heute kein Mensch mehr das Dorf Lietzow kennt, lag am frühen Tod von Sophie Charlotte im Jahr 1705. Der Gatte, inzwischen König Friedrich I., ließ ihr zu Ehren das Schloss und die Siedlung nebenan umbenennen. Willkommen in Charlottenburg!

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Seit königlich-preußischen Zeiten ist die Gegend ständig im Wandel. Aufbruch und Niedergang wechseln sich in schöner Regelmäßigkeit ab. Man denke allein an die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg: Nach einer glorreichen Phase während der deutschen Teilung gerät die westliche City mit der Wende ins Hintertreffen. Geld und Aufmerksamkeit erhält nun der Osten. Anfang des Jahrtausends ist es schick, laktosefreien Latte macchiato am Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg zu trinken. Feierwütige Berlin-Besucher ziehen derweil mit dem Wegbier in der Hand in der Neuköllner Weserstraße von Kneipe zu Kneipe. Dass man in Berlin günstig Party machen kann, hat sich weltweit herumgesprochen. Die Wirte reagieren mit englischsprachigen Karten und ebensolchem Personal.

Berlin

Anreise Mit dem Zug gelangt man in etwas mehr als sechs Stunden nach Berlin, www.bahn.de.

Unterkunft Das KPM Hotel und Residences ist eine tolle Adresse für Ästheten. Moderne Architektur und zeitgenössisches Design treffen hier auf die Porzellan-Klassiker aus der benachbarten Königlichen Manufaktur, die 1763 gegründet wurde und immer noch in Betrieb ist. Doppelzimmer inklusive Frühstück ab 150 Euro, https://kpmhotel.de/ Familiäre Atmosphäre in luxuriösem Ambiente eines kleinen Grandhotels bietet das privat geführte Haus Louisa’s Place direkt am Kurfürstendamm. DZ ab 160 Euro, www.louisas-place.de.

Essen und Trinken Im Restaurant Aufwind vermisst auch der eingefleischte Steak-Esser nichts. Die vegetarische Küche ist großartig und strikt regional,

https://aufwind.berlin/. Im Prism trifft europäische Spitzenküche auf levantinische Inspiration, dekoriert mit einem Michelin-Stern, www.prismberlin.de. Kunstvolle französische Gerichte und viel Kunst in hohen Räumen gibt es in der Bar Brass am Spreeufer, www.barbrass.de. Asiatische Küche vom Feinsten wird im cool-schwarzen Ambiente des Restaurants Dong A serviert, www.dong-a.de.

Allgemeine Informationen Visit Berlin, www.visitberlin.de

„Vor etwa fünf Jahren begann der Gegentrend“, sagt Claudia Häuser-Mogge. Auf einmal gibt es im Westen viel Neues: Die heruntergekommene Ecke am Bahnhof Zoo mit dem Bikini-Haus hat sich herausgeputzt. Daneben wachsen zwei knapp 120 Meter hohe Häuser in den Himmel – das Zoofenster und das Upper West. Einen Steinwurf weiter im Amerika-Haus – während des Kalten Krieges Kulturzentrum und Schaufenster der USA – gibt es nun Fotoausstellungen zu sehen. Die Restaurants, Bars und Läden am Ludwigkirchplatz oder Savignyplatz sind angesagt wie einst in den 80ern. Und am Kurfürstendamm, der kurzzeitig seinen Status als führender Berliner Boulevard an die Friedrichstraße abgeben musste, reiht sich wieder eine Edelmarke an die nächste.

Auch wenn in den letzten Jahren architektonisch aufgerüstet wurde, hat der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf immer noch den Ruf, spießig zu sein. Einem beliebten Scherz zufolge schließen die Spätis – so nennt man in Berlin Kioske, an denen man rund um die Uhr einkaufen kann – hier um 20 Uhr. Das stimmt natürlich nicht. Aber wahr ist: Die Wohnungen in Charlottenburg verfügten schon immer über mehr Zimmer und deren Bewohner waren schon immer etwas reicher und blaublütiger als anderswo in Berlin. Charlottenburg gilt als neureich, skurril, speziell.

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Das personifizierte Charlottenburg-Klischee stellt man sich wie eine alte Dame vor, Witwe eines Generaldirektors vielleicht, im Pelzmantel und mit kleinem Hund an der Leine. Tatsächlich sieht man solche Ladys beim Spaziergang im Schlosspark. In den Straßen drum herum hat sich ein Stück altes Westberlin erhalten, wie man es aus TV-Serien wie „Drei Damen vom Grill“ kennt. Konserviert wie ein Stück Eisbein in Aspik.

Sophie Charlotte wäre bestimmt begeistert: Rund um ihren marzipanfarbenen Barockbau ist es immer noch erstaunlich ruhig. Gleich hinter Schloss Charlottenburg fließt die Spree. An deren Ufer führt ein Weg am Wasser entlang bis zum Tiergarten und dann weiter nach Mitte. Die Stadtführerin wählt die andere Richtung, die Schlossstraße hinunter – nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Haupteinkaufsmeile im Stadtteil Steglitz. Diese Schlossstraße ist das Gegenteil von Trubel mit ihren Bäumen und der breiten Grünfläche in der Mitte. „Hier wird zu fast jeder Jahreszeit Boule gespielt“, sagt Claudia Häuser-Mogge. Einige Blocks weiter beginnt die Windscheidstraße mit netten kleinen Geschäften – da gibt es Mode für Fahrradfahrer, das Geschäft daneben führt ausgefallene Kindersachen, ein paar Meter weiter kommt eine Südtiroler Weinbar. In der schräg parallel verlaufenden Suarezstraße reiht sich ein Antiquitätengeschäft an das andere. Kein Trödel wie auf dem Flohmarkt auf der Straße des 17. Juni, sondern Designermöbel, goldumrahmte Ölgemälde, Art-déco-Leuchten mit baumelnden Perlenfransen.

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Claudia Häuser-Mogge biegt in die Kantstraße ab. „Das ist die kleine Schwester des Ku’damms“, sagt sie. Auch hier herrscht Individualität vor. Es gibt eine russische und eine persische Buchhandlung. Der Eisenwarenladen C. Adolph existiert seit 1898. In der Parfümerie Lutz Lehmann kann man sich noch wie in den 1950er Jahren individuelle Düfte mischen und in mitgebrachte Flakons abfüllen lassen.

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Auch kulinarisch ist einiges geboten. Quasi die ganze Kantstraße gehört zum Imperium der Berliner Gastrolegende Duc Ngo, der hier mehrere Lokale besitzt. Im Kuchi gibt es Sushi, bei Madame Ngo dreht sich alles um die vietnamesische Suppe Pho, das Fine-Dining-Lokal 893 Ryotei ist was für Pfadfinder – es versteckt sich hinter einer über und über mit Graffiti besprühten Glasfront eines ehemaligen Drogeriemarktes. Das erwartet man sonst eher im Bezirk Mitte.

Offenbar geht von Duc Ngo eine gewisse Magnetwirkung aus. „Es gibt einige in anderen Bezirken der Stadt erfolgreiche Restaurants, die hier vor Kurzem einen Ableger aufgemacht haben oder ganz nach Charlottenburg gewechselt sind“, sagt Claudia Häuser-Mogge.

Lale Yanik und Arzu Bulu und ihr Lokal Osmans Töchter waren in Prenzlauer Berg erfolgreich, bevor sie eine Filiale in Charlottenburg eröffneten. Das Restaurant mit dem lustigen Namen „Die Eselin von A.“ zog von Wannsee in die City West. Im Lokal Aufwind bieten Wenzel Büchold und Vedad Hadziabdic (ehemals Restaurant Savu) alles außer Fleisch an.

2019 hat die Königliche Porzellan-Manufaktur im äußersten Osten Charlottenburgs quasi fast am Tiergarten ein Hotel eröffnet. Direkt neben der Produktionshalle kann man nun in modernen Räumen logieren und von feinstem Geschirr speisen. Das ist preußische Tradition, modern interpretiert.