Dichtung und Wein

Vor 700 Jahren starb der große Dichter Dante Alighieri. In Florenz wurde er geboren, am Gardasee bauen seine Nachfahren noch heute Wein an, in Ravenna fand er seine letzte Ruhestätte.

Von 
Stefanie Bisping
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Drei Jahre alt war Massimilla, als sie sich in Venedig vor einem Brunnen aufbaute und die erste Strophe der „Göttlichen Komödie“ deklamierte. Passanten blieben stehen und applaudierten, die Eltern waren beeindruckt. Nicht nur hatte das Kind trotz seines zarten Alters die Verse nach selbstständiger Lektüre auswendig gelernt, es schienen auch die Gene vernehmlich aus dieser direkten Nachfahrin des berühmtesten italienischen Dichters zu sprechen. Massimilla di Serego Alighieri, heute 39 Jahre alt, lacht, als sie die Geschichte erzählt, und schwenkt tiefroten Wein im Glas. In einem Seitengebäude des einstmals vom ältesten Sohn des Dichters erbauten Familiensitz schaut sie zu, wie Gäste des Weinguts unter Anleitung von Küchenchef Vitangelo Galluzzi ein Risotto all’Amarone zubereiten. Eine halbe Flasche des guten Rotweins findet dabei Verwendung. Der Reis köchelt zufrieden, Massimilla plaudert aus der Familiengeschichte.

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Zusammen mit ihrem Vater, Graf Pieralvise di Serego Alighieri, leitet sie das 14 Kilometer vom südöstlichen Ufer des Gardasees in Gargagnago gelegene Weingut. Nebenbei widmet sie sich ihrer zweiten Leidenschaft, der Schauspielerei, für die sie schon als Kind Talent bewies. Seit Pietro, der älteste Sohn Dantes, das Weingut Casal dei Ronchi im Jahr 1353 kaufte, ist es im Besitz der Alighieris. Als im 16. Jahrhundert ein männlicher Nachfolger fehlte, zögerte die Familie nicht, den Priester Francesco Alighieri zur Aufgabe seines Amts zu bewegen und ihn zu verheiraten – der Fortbestand von Gut und Genen war wichtiger als der Dienst im Weinberg des Herrn.

Italien

Unterkunft Das Fünf-Sterne-Hotel Quellenhof liegt oberhalb von Lazise zwischen Weinbergen. Es bietet 58 Zimmer und Suiten sowie einen Naturbadeteich, einen 25-Meter-Außenpool, Spa, einen reich gefüllten Weinkeller (700 Etiketten, darunter die Alighieri-Erzeugnisse) sowie Touren zu den umliegenden Weingütern. Das DZ mit Halbpension kostet pro Person ab 225 Euro www.quellenhof-lazise.it. Das Gästehaus La Foresteria auf dem Weingut Serego Alighieri verfügt über acht stilvolle Apartments. Eine Wohnung für zwei Personen kostet mit Frühstück 170 Euro, www.seregoalighieri.it.

Essen und Trinken Das Weingut Serego Alighieri bietet Verkostungen, Führungen und Kochkurse an; ein kombinierter Besuch bei Serego Alighieri und Masi mit Verkostung kostet insgesamt 30 Euro. Das Restaurant Tenuta Canova des´Hauses Masi in Lazise bietet die Möglichkeit zu Weinstudien (ein Glas Wein ab 4 Euro) bei regionalen Spezialitäten auf Basis von Bioprodukten. Gleich nebenan befindet sich das multimediale Masi-Weinmuseum mitsamt einem gigantischen, knapp 50 000 Liter fassenden Weinfass, in dem der Besucher virtuell erfahren kann, wie die Entstehung von Wein riecht, klingt und aussieht, www.masi.it.

Dante-Jahr Während des Festjahres wird (fast) täglich an Dantes Grab in Ravenna aus der „Göttlichen Komödie“ gelesen. Eine Übersicht über Veranstaltungen in Ravenna findet man unter www.turismo.ra.it und https://vivadante.it. Die Termine für Florenz findet man unter https:// vivadante.it/eventi-2021-2.

Allgemeine Informationen Italienische Zentrale für Tourismus, www.enit.de

Doch gingen aus der Verbindung nur Töchter hervor. Bei ihrer Heirat mit Graf Serego Marcantionio im Jahr 1549 nahm die Erbin Ginevra Alighieri so den Doppelnamen Serego Alighieri an, den die Familie heute noch trägt. Noch immer besitzt sie auch das Weingut, zu dem Gästehaus und Profiküche gehören und das unter anderem den charaktervollen Amarone hervorbringt. 100 bis 120 Tage werden für ihn Trauben der Rebsorten Corvina, Rondinella und Molinara auf Bambusmatten unterm Dach luftgetrocknet. Produktion und Vermarktung aller Alighieri-Weine liegen indes seit den siebziger Jahren in den Händen des benachbarten Guts Masi, dessen Chef Sandro Boscaini als „Mister Amarone“ hier so bekannt ist wie im Rest der Welt Dante Alighieri.

Der Dichter, Philosoph, Politiker und Autor der unsterblichen „Göttlichen Komödie“ wurde im Frühsommer des Jahres 1265 weit weg vom Gardasee in Florenz geboren. Mit seiner Frau Gemma hatte er vier Kinder: Pietro, Giovanni und Jacopo sowie Tochter Antonia. Alles schien bestens, bis er sich in den Auseinandersetzungen zwischen den aus den Parteien der Guelfen und Ghibellinen hervorgegangenen Splittergruppen verhedderte, 1302 in Abwesenheit des politischen Betrugs bezichtigt und für zwei Jahre verbannt wurde. Als er das Urteil nicht anerkannte, stellte man ihm für den Fall seiner Rückkehr den Tod auf dem Scheiterhaufen in Aussicht. Vor diesem Hintergrund hielt Dante es für ratsam, die Stadt nie mehr zu betreten.

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Dante lebte unter anderem in Verona, Treviso und Ravenna, wo er am 14. September 1321 starb, nachdem er während einer Venedig-Reise wohl an Malaria erkrankt war. Sein Grabmal ist erhalten: In einem Kapellchen an der Außenmauer des einstigen Klosters San Francesco befinden sich seine sterblichen Überreste. Das ist deutlich mehr Dante, als Florenz für sich in Anspruch nehmen kann. Denn sein Geburtshaus hat nicht überdauert.

Florenz übt sich daher in Demut. Jedes Jahr bringt eine Delegation am zweiten Sonntag im September ein Kännchen Olivenöl nach Ravenna, mit dem eine Fackel am Grab befeuert wird. Der 700. Todestag wird im ganzen Land begangen, wobei der Schwerpunkt am Ort des letzten Atemzugs in Ravenna liegt. Mit Ausstellungen, Konzerten und Aufführungen wird der Dichter gefeiert, bis im September 2021 ein Festakt auf der Piazza del Popolo den Schlusspunkt setzt. Am Gardasee wird unterdessen ein Buch über die Geschichte der Familie Alighieri im Valpolicella vorbereitet.

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In seinem bewegten Leben war Dante nicht nur viel unterwegs, er schrieb mit der „Göttlichen Komödie“ auch das erste große Versepos in (alt-)italienischer Sprache. Man möchte wünschen, dass er ab und zu die Muße fand, bei einem Glas Wein die Landschaften zu genießen, die er bei den Stationen seines Exils kennenlernte. Im Valpolicella-Gebiet baute sein Sohn Pietro, der die Gegend aus den Veroneser Jahren des Exils kannte, das Haus, das noch heute Heimat der 21. und 22. Generation der Alighieris ist.

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Das milde Mikroklima zwischen Verona und Gardasee, das Wind und Winter jede Schärfe nimmt, mochte Dante junior dazu bewogen haben, sich hier dem Weinbau zu widmen. Doch nicht nur Reben gedeihen hier prächtig. Von Buchsbaum gesäumte Rasenflächen, Zitronenbäume, Rosenbüsche und schlanke Zypressen schmücken das Anwesen. Jenseits des Gartens wogen Weinhügel bis zum Horizont. „Wir betrachten unser Land immer mit kritischen Augen, aber wenn wir mal einen Schritt zurücktreten und es dann anschauen, erkennen wir, dass es schön ist“, erklärt Raffaele Boscaini, Mitinhaber des benachbarten, 1772 gegründeten Weinguts Masi.

Was Dante wohl im Blick haben mag? Vielleicht Weinreben oder ...

Was Dante wohl im Blick haben mag? Vielleicht Weinreben oder den Gardasee? Bilder: imago/imagebroker, Adobe Stock/ elenanoeva