Englisch-Theater-AG - Die Schauspieler der Gruppe des Alten Kurfürstlichen Gymnasiums erzählen, wie sie mit der Krise umgehen Nicht nur Kekskrümel, sondern auch Shakespeare auf der Zunge

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Adeline Schürmann als Herzogin Olivia. © Englisch-Theater-AG

Theater will berühren – den Zuschauer genauso wie den Mitspieler. Theater ohne Berührung scheint ein Paradoxon. Und paradox wirkt alles, was wir in den vergangenen Monaten getan haben: Vor sechs Wochen liefen die Proben an unserem derzeitigen Stück „Twelfth Night“, William Shakespeares vermutlich emotionalste Komödie, in vollem Gange, und wir standen uns noch im Kampf um die Gunst der schönen Viola gegenüber, verpassten uns auf der Bühne verbale Backpfeifen in elisabethanischer Manier und lagen uns in gefühlvollen Szenen in den Armen.

Unfreiwillige Spielpause

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Die Aufführungen im Mai rückten langsam näher, die Kostüme wurden immer detaillierter und Charaktere wie liebesvernarrt-egoistische Adelige, intrigante Putzteufel und völlig im Suff erblühende Party-Animals erwachten immer mehr zum Leben. Heute können wir aufgrund der unfreiwilligen Spielpause ganz ohne gespielte Betrübtheit eine Zeile aus unserem Stück rezitieren: „Ah, how will this all turn out?“ Dass wir unsere Aufführung verschieben müssen und unsere regulären Proben nun über „Zoom-Konferenzen“ abhalten, hätte zuvor niemand gedacht. Die antike Theatralität der Masken wurde zum Alltagsgegenstand, das Gefühl einer dystopischen Inszenierung führte zu einer neuen Facette auf der Bühne des alltäglichen Lebens.

„Es muss auf vieles verzichtet werden“

Es muss auf vieles, was uns am Herzen liegt, verzichtet werden. Nicht nur auf unser all donnerstägliches Keksritual in der Probe – wie Adeline es ausdrücken würde: „Wer könnte die Kekse von Herrn Krumb nicht vermissen?“ –, sondern auch auf das Theater als Ort, an dem wir zusammen spielen, an Szenen arbeiten, lachen und alles hinter uns lassen können. Da verschwindet man mal schnell hinter eine Säule und kommt plötzlich als exzentrischer, leicht lasziv tänzelnder Höfling oder wasserspuckender Schiffbrüchiger zurück. Sich in der Rolle fallenzulassen und sich einzuleben fehlt als wichtiger Ausgleich in Zeiten ohne gemeinsame Proben. Das ist es, was eine Zeit ohne das Theater so unvorstellbar und den Verzicht darauf für Schauspieler unserer Gruppe so schmerzlich macht. Aus den aus allen Gängen der Schule strömenden Schülern wird eine Gruppe von Schauspielern, die, wie Shakespeare es vielleicht ausdrücken würde, derzeit ihr Theater-„heart on their sleeves“ tragen.

Gewöhnungsbedürftiges Solo-Theater zu Hause

Doch trotz aller Krisen-Umstände versuchen wir, so viel Theater zu spielen wie möglich und in Kontakt zu bleiben, indem wir Texte über „Schauspiel in der Isolation“ schreiben, unsere Kostüme zu Hause tragen, ab und zu auch mal – gewissermaßen als Soloperformance – zur „Musik des Stücks tanzen oder singen“ (Nicolle Weber) und die Charakterfotos, die wird normalerweise zusammen schießen würden, im Selfie-Format der Marke Eigenbau im Badezimmer aufnehmen. Ob Badewanne und Lippenstift, Klobürste und Sektflasche oder Weinglas und Discolicht – ehe man es sich versieht, taucht man auch im heimischen Badezimmer in unsere schöne Theaterwelt ab.

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Dass manches davon heute in der BAnane erscheinen darf – an dem Tag, an dem eigentlich die Generalprobe angesetzt war – ist ein echter Trost. Theater will berühren, und das konnte man in den vergangenen Wochen besonders spüren: Die Bereitschaft aller, ein neues Medium auszuprobieren, sich zu öffnen und viel Herzblut in das Theater zu investieren gleicht einer (derzeit leider nicht möglichen) warmen Umarmung.

Vielleicht berührt auch den einen oder anderen Leser, was in den Social-Media-Kanälen der Homepage des Alten Kurfürstlichen Gymnasiums (AKG) von unserer Arbeit zu sehen ist. Paul Berg, Hannah Helbig und Florian Krumb