Interview - Bundesjustizministerin Christine Lambrecht hat sich den Fragen der BAnane-Jugendredaktion gestellt / Nicht das Geschlecht, sondern die Qualität entscheidet „Eine Frauenquote für mehr Fairness“

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Frauenrechte sind Menschenrechte, die über viele Jahrhunderte völlig vernachlässigt wurden. Doch die Zeit der Unterdrückung der Frauen ist in Deutschland längst vorbei. Dennoch herrscht in vielen Bereichen noch immer ein signifikanter Unterschied zwischen Männern und Frauen. Besonders dramatisch sind die Unterschiede in den Vorständen, hier soll jedoch die Frauenquote künftig für mehr Fairness sorgen. Die BAnane-Jugendredaktion hat mit Christine Lambrecht, Bundesministerin für Justiz und Verbraucherschutz, über dieses Thema gesprochen. Die Bergsträßer Bundestagsabgeordnete war maßgeblich an der Einführung der Frauenquote beteiligt.

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Was genau bedeutet die Frauenquote?

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht © BMJV/Thomas Koehler/ photothek

Christine Lambrecht: Die Frauenquote bedeutet, dass viele sehr große Unternehmen mit mindestens drei Vorständen bei der Neubesetzung der Vorstandsstellen künftig mindestens eine Frau einstellen müssen.

Warum war sie notwendig?

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Lambrecht: Nur 12,8 Prozent der Vorstände in Deutschland sind weiblich, betrachtet man die 160 stärksten Unternehmen, so liegt der Anteil bei weniger als zehn Prozent. Bei einer Abfrage gaben 70 Prozent der Unternehmen an, dass sie auch künftig keine Frauen einstellen möchten. Einen solchen Missstand kann der Staat nicht länger akzeptieren.

Warum möchten die Unternehmen Frauen nicht als Vorstände einstellen?

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Lambrecht: Die meisten Unternehmen haben es nicht begründet, wenn sie es jedoch begründet haben, kamen Antworten wie „wir finden keine Frau“ oder „wir wollen niemanden entlassen“. Dabei treffen diese Aussagen nicht zu. Zum einen geht es ausschließlich um die Neubesetzung der Stellen, zum anderen haben gerade Frauen im Durchschnitt die besseren Abschlüsse.

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War es schwierig, die Frauenquote durchzusetzen?

Lambrecht: Sehr! Den Kampf führen wir schon lange. Die Wirtschaft ist dagegen Sturm gelaufen und viele haben versucht, sich mit der Corona-Pandemie rauszureden. Sie sagten, dass sie sich jetzt nicht auch noch mit den Frauen befassen möchten. Stellen Sie sich das mal vor, Frauen werden als Belastung wahrgenommen und mit der Corona-Krise verglichen. Aber inzwischen bin ich guter Dinge, die meisten Politiker/-innen sind nun überzeugt, die Frauenquote wird vor der Sommerpause verabschiedet.

Ist eine Frauenquote nicht unfair, weil Frauen nun den Männern vorgezogen werden müssen?

Lambrecht: Nein, Frauen werden den Männern nicht vorgezogen. Frauen stellen 50 Prozent der Bevölkerung, machen durchschnittlich die besseren Abschlüsse und trotzdem werden sie in Vorständen nicht eingestellt. Das ist nicht fair.

Welche Ziele sind mit der Frauenquote verbunden?

Lambrecht: Die Frauenquote soll hoch qualifizierten Frauen ermöglichen, als Vorstand eingestellt zu werden. Derzeit werden viele Frauen allein wegen des Geschlechts nicht eingestellt. Durch die Quote erhalten sie endlich eine Chance, weil dann nicht das Geschlecht, sondern die Qualität entscheidet. Unser Grundgesetz gibt uns den Auftrag, gegen bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern vorzugehen. Und das setzen wir mit der Quote um.

Es gibt Berufe, die nahezu ausschließlich von Frauen ausgeübt werden, unter anderem auch deshalb, da Männer den NC oft nicht erreichen. Sollte dort auch über eine Männerquote nachgedacht werden?

Lambrecht: Bei der Frauenquote geht es darum, dass die Frauen die erforderliche Qualifikation haben, aber wegen ihres Geschlechts nicht eingestellt werden. Hier wäre es hingegen so, dass Männer trotz fehlender Qualifikation allein wegen ihres Geschlechts eingestellt werden. Das ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar.

Ändert dies auch etwas an der Gender-Pay-Gap?

Lambrecht: Vorstände spielen eine wichtige Rolle, wenn die Löhne festgelegt werden. Ich denke, dass sich weibliche Vorstände dafür einsetzen werden, dass diese Lücke geschlossen wird.

Wie wird sich die Frauenquote auswirken?

Lambrecht: Schon länger gibt es eine Frauenquote in den Aufsichtsräten. Vorab kam es auch dort zu einem großen Widerstand, nach Einführung der Frauenquote stellten die Unternehmen jedoch fest, dass eine Frau im Aufsichtsrat eine Bereicherung darstellt, da sie eine andere Perspektive mitbringt. Ich denke, dass auch die Vorstandsebenen dann die Chancen zu schätzen wissen.

Werden die Unternehmen versuchen, Schlupflöcher zu finden – schließlich wollten sie zuvor keine Frauen einstellen?

Lambrecht: Nein, es gibt keine Schlupflöcher, die Stelle muss freigelassen werden, wenn sich keine geeignete Bewerberin findet.

Könnte die Frauenquote zu Sexismus führen, da Kollegen über die Kollegin denken, dass sie den Job nur wegen ihres Geschlechts erhalten hat?

Lambrecht: Das denke ich nicht, zum einen wird sie ja nicht wegen ihres Geschlechts, sondern wegen ihrer Qualifikation eingestellt. Zum anderen denke ich, dass Frauen bewirken, dass sich der Ton in den Vorständen ändern kann.

Wird es in Zukunft auch eine Quote für Menschen geben, die sich nicht dem binären Geschlechtssystem zuordnen lassen?

Lambrecht: Bei der Frauenquote ging es darum, dass angesichts der Tatsache, dass 50 Prozent der Bevölkerung weiblich sind, Frauen in Vorständen deutlich unterrepräsentiert sind. Der Anteil der Menschen, die sich ihrem biologischen Geschlecht nicht zugehörig fühlen, liegt bei unter einem Prozent, das ist so wenig, dass Quoten hier nicht greifen würden.

Frau Lamprecht, möchten Sie noch etwas Abschließendes zur Frauenquote sagen?

Lambrecht: Ich freue mich sehr, dass künftig die Qualität und nicht mehr das Geschlecht bei der Einstellung neuer Vorstände entscheidend ist. Sophia Rhein