Interview - Gerhard Eppler, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes (NABU) Hessen, über Vorteile von bepflanzten Häuserwänden für Städte Begrünte Fassaden als natürliche Klimaanlagen

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Begrünte Hausfassen können im Sommer für eine Abkühlung in der Stadt sorgen. © stock.adobe.com - Kara

Der Klimawandel ist im vollen Gange. Wir müssen uns auf die Klimaerwärmung, Dürreperioden, aber zum Beispiel auch auf Starkregen einstellen. Die Veränderung des Klimas fordert uns heraus und stellt große Probleme dar. Dabei muss ein Weg gefunden werden, mit diesem umzugehen und ihn, soweit es möglich ist, zu verringern. Eine innovative Maßnahme kann dabei die Begrünung von Gebäuden darstellen. Um über die Begrünung etwas mehr zu erfahren, hat die BAnane-Jugendredaktion ein Interview mit Gerhard Eppler (Bild: Thomas), Landesvorsitzenden von NABU Hessen, geführt.

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Was bewirken bepflanzte Gebäude gegen den Klimawandel?

Gerhard Eppler: Wenn man an heißen Tagen im Schatten eines Sonnenschirms oder im Schatten eines Baumes sitzt, kann man den Unterschied leicht feststellen. Pflanzen verdunsten über ihre Blätter Wasser. Das bewirkt eine Erhöhung der Luftfeuchtigkeit und die Verdunstungskälte bewirkt eine Abkühlung.

Umgekehrt verhält es sich mit Gebäuden oder versiegelten Flächen. Wer in praller Sonne barfuß über den Asphalt laufen will, weiß, wie sehr sich solche Flächen aufheizen können.

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Eine Stadt darf auch für uns Menschen kein lebensfeindliches Umfeld bieten. Wenn für Bäume nicht mehr viel Platz ist, manchmal auch wegen Wasserleitungen und Stromkabeln im Untergrund, dann kann eine begrünte Fassade quasi einen „zweidimensionalen Baum“ darstellen, der die gleichen Wirkungen hat, ohne viel Platz zu benötigen.

Es gibt viele geeignete Pflanzen wie Efeu, Trompetenwinde, Kletterhortensie, Glyzinie oder der Wilde Wein in verschiedenen Arten.

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Ist Fassadengrün nur nützlich, etwa zur Anpassung an den Klimawandel, oder können auch Schäden entstehen?

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Eppler: Es gibt Kletterpflanzen, die sich mit ihren Haftwurzeln an der Wand verankern. Ein Beispiel hierfür ist Efeu. Andere wie die Glyzinie brauchen ein Klettergerüst, an dem sie sich herum winden. Sie haben auch unterschiedliche Vorteile: Der Efeu ist auch im Winter grün und seine Früchte bieten ein willkommenes Vogelfutter. Die Glyzinie bietet im Frühsommer ein duftendes Blütenmeer, das Bienen und Hummeln anzieht. Schädlich für die Fassaden sind sie nicht, aber man muss sich im Klaren sein, dass es ganz ohne Pflege und Rückschnitt auch nicht geht. Sie sollten zum Beispiel nicht unter die Dachrinnen wachsen, auch sollten die Fassaden vorher in gutem Zustand sein und keine Risse und Spalten aufweisen.

Wissen Sie, ob Pläne für solche Bepflanzungen auch hier in der Region diskutiert werden?

Eppler: Es gibt hier zwei widerstreitende Ziele: Einerseits das Ziel „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“, will heißen, bevor man Neubaugebiete auf der grünen Wiese ausweist, soll man schauen, ob es nicht innerorts noch Bauplätze gibt. Anderseits das Ziel der grünen Innenstadt, in der nicht alles zugebaut wird und es noch Raum für Begrünung gibt.

Es gibt immer mal Initiativen, zum Beispiel die „Entente florale“ vor ein paar Jahren in Lorsch, Wettbewerbe für naturnahe Gärten oder neuerdings Versuche, die „Gärten des Grauens“ zu verbieten, also unbelebte Steinwüsten vor den Häusern. Für eine grüne Stadt müsste aber mehr getan werden.

Wie ist Ihre persönliche Meinung zu diesem Thema?

Eppler: Die ist klar: Der Klimawandel ist jetzt schon im Gange und wir müssen unsere Städte anpassen, damit sie lebenswert bleiben. In der Stadt leben nicht nur Menschen, sondern auch viele Tiere und Pflanzen um uns herum. Der Gesang eines Vogels bei geöffnetem Fenster gehört zur Lebensqualität dazu. Auch die Stadt ist ein Lebensraum und muss grüner werden, nicht nur die Fassaden, auch Dachbegrünung ist möglich. Man sollte das Pflaster aufreißen und der Natur den Raum geben, den sie benötigt – wo immer es geht. Svenja Thomas