Musikkabarett - Liedermacher und Martin Bechler von Fortuna Ehrenfeld simulieren Entertainment – dabei entstehen köstliche Satiren Rainald Grebes „Popmusik“ belächelt milde die Zeit

Von
Jörg-Peter Klotz
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Auf der Bühne ist Musikkabarettist Rainald Grebe ein Ereignis. Was sich auf seinen Platten nicht unbedingt vermittelt, besser: vermitteln soll. Der 49-Jährige würde vermutlich vor Selbstekel zu Staub zerfallen, wenn er mal unbeabsichtigt einen Radiohit landen sollte. Dabei hat der theatergeschulte Liedermacher ein König-Midas-Händchen für betörende Melodien und eingängige Refrains – aber Mitsing- und Schunkelambitionen erstickt er konsequent mit musikalischen und textlichen Kontrapunkten im Keim. Wenn der Wahl-Berliner sein 14. Album „Popmusik“ nennt, sollte also niemand leichtgängige Ohrwürmer erwarten.

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Selbst wenn Grebe sich eigentlich explizit vorgenommen hat, ein Popalbum zu machen. Konstellationen mit Orchester, Rockband, Streichquartett, Bläsern, Chören hat er ja schon hinter sich. Dass ihn der exzentrische Kopf der Band Fortuna Ehrenfeld, Martin Bechler, als Produzent, Musiker und Komponist unterstützt hat, macht die Sache auch nicht leichter. Aber noch raffinierter.

Blickt skeptisch auf Wissenschafts-skeptiker: Rainald Grebe. © De Matteis

Wenn Grebe und Co. aus Pop-, Electro und Rap-Klischees beinahe Karikaturen von Songs machen, klingt das beim ersten Hören erstmal befremdlich bis ungeschlacht (etwa die Trio-Attacke in „Der Klick“). Aber dann schlagen schnell die Ohrwurm-Fragmente Wurzeln im Gehörgang. Und irgendwann summt man munter Refrains wie „Wissenschaft ist eine Meinung /die muss jeder sagen dürfen“ oder „Der Calvinismus“ (wunderhübsch gesungen von Jenny Thiele) mit. Und freut sich über die vielen Referenzen aus Politik, Musik und unserer zähen Zeit, die man dabei entdecken kann.

Gegen Ende lässt Grebe einen total unironischen, sentimentalen Moment zu: Michael Kunzes deutschen Text zum Welt-Schmachtfetzen „The Rose“ wird zunächst kolossal schaukelnd vom Männergesangsverein Harmonie Zeche Victoria Lünen gesungen. Wenn er nach einer kleinen Piano-Miniatur dann selbst den Schluss allein übernimmt, ist die Wirkung extrem eindringlich, ja sogar hoffnungsvoll. Und manche Zeilen bekommen mit Blick auf unsere gespaltene Gesellschaft eine völlig neue Dimension: „Wenn du denkst du bist verlassen / Und kein Weg führt aus der Nacht/ Fängst du an die Welt zu hassen / Die nur andere glücklich macht.“ Dass er dann als Kontrast im Schluss-Chanson den süßen Vogel Tod in der Disco sachte mit der Hüfte wippen lässt – so ist er halt. Und das ist gut so.

Ressortleitung Stv. Ressortleiter Kulturredaktion