„Der Goldene Handschuh“ von Fatih Akin jetzt auf Netflix

Von 
Gebhard Hölzl
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Jonas Dessler als Fritz Honka vor der titelgebenden Kaschemme in einer Szene des Spielfilms „Der Goldene Handschuh“. © Warner Bros. GmbH/Gordon Timpen

Serienkiller-Thriller sind eine beliebte Spielart des Kriminalfilms. Man denke nur an die fiktive Figur des Hannibal Lecter, (Anti-)Held einer Romanreihe von Thomas Harris. Auf insgesamt vier Leinwandauftritte und eine TV-Serie hat er es gebracht. Hierzulande erfreut sich die Gattung ebenfalls großer Beliebtheit, siehe Fritz Langs „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ (1931) oder Nico Hofmanns „Der Sandmann“ (1995). Und natürlich frönen die Triebtäter längst auch im Netz ihrer blutigen Leidenschaft. Zu nennen wäre da etwa der brillante BBC-Mehrteiler „The Fall - Tod in Belfast“, der bei Netflix abrufbar ist.

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Bei genanntem Anbieter ist ab dem 22. Februar auch „Der Goldene Handschuh“ zu streamen, uraufgeführt - und unter Wert geschlagen - auf der Berlinale 2019, basierend auf dem realen Fall des Massenmörders Fritz Honka. Nach dem 2006 erschienenen Tatsachenroman von Heinz Strunk, hierfür mit dem Wilhelm-Raabe-Literaturpreis ausgezeichnet, hat Regisseur Fatih Akin („Gegen die Wand“) das Drehbuch geschrieben. Eine schockierende Geschichte, wahrlich nichts für schwache Nerven, angesiedelt im Hamburg der 1970er-Jahre.

Jonas Dassler - umtriebiges Schauspieltalent

  • Dem Theater wie dem Film fühlt sich Jonas Dassler gleichermaßen verpflichtet. 1996 wurde er in Remscheid-Lennep geboren und war ab der achten Gymnasialklasse Mitglied der Theater-AG. Nach dem Abitur begann er in Berlin an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ seine Schauspielausbildung, die er 2017 abschloss.
  • Da war er bereits auf der Bühne und vor der Kamera tätig, spielte etwa unter Peter Kleinert an der Schaubühne in „Dantons Tod“ oder neben Franz Rogowski in der Berliner Großstadtballade „Uns geht es gut“. Weitere Kinoauftritte absolvierte er – 2018 mit dem Nachwuchspreis des Bayerischen Filmpreises ausgezeichnet –im Coming-of-Age-Thriller „LOMO – The Language of Many Others“, in Lars Kraumes Dietrich-Garstka-Adaption „Das schweigende Klassenzimmer“ und Florian Henckel von Donnersmarcks Polit-Epos „Werk ohne Autor“.
  • Im Fernsehen konnte man den vielseitigen Mimen, 2020 von der „European Film Promotion“ als einer der zehn „Shooting Stars“ der Berlinale auserkoren, in Nina Grosses ZDF-Miniserie „Die Protokollantin“ bewundern. Seit der Spielzeit 2017/18 ist Jonas Dassler festes Ensemblemitglied am Maxim-Gorki-Theater, wo er unter anderem Rollen in Albert Camus’ „Die Gerechten“ oder Franz Kafkas „Ein Bericht für eine Akademie“ übernahm. geh

Es geht ins Amüsierviertel St. Pauli mit seinen Absturzkneipen und traurigen Nachtgestalten. Einer dieser bemitleidenswerten Verlierertypen ist „Fiete“ (Jonas Dassler). Am Tresen der titelgebenden Kaschemme hängt er mit seinen Kumpels ab. Mit „Tampon-Günter“, „Soldaten-Norbert“ und „Dornkaat-Max“, letzterer stimmig verkörpert vom im breitesten Platt schwadronierenden Hark Bohm („Nordsee ist Mordsee“). Bier und Schnaps fließen in dem abgefuckten Lokal - „Ab 4 Uhr morgens geöffnet“ - in Strömen, für einen Korn begleiten einen die ausgezehrten (Gelegenheits-)Prostituierten schon mal nach Hause.

Im Falle des Mannes mit dem entstellten Gesicht und der unförmigen, trüben Brille eine lebensgefährliche Sache. Denn Honka, das verrät schon die erste Szene, ist eine Bestie. Beim Zersägen eines weiblichen Körpers sieht, genauer gesagt hört man ihn. Dazu schmachtet Adamo leitmotivisch vom Plattenspieler: „Es geht eine Träne auf Reisen...“ In seine enge Mansardenwohnung mit dem verdreckten Klo und den unzähligen Zeitschriftenbildern nackter Frauen an den Wänden ist sie ihm gefolgt. Ein tödlicher Fehler. Die abgetrennten Glieder wickelt er in blutige Stofffetzen und entsorgt sie in einem Hinterhof.

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Fast sklavisch hält sich das Skript an die Vorlage, Akin hat nach eigenem Bekunden 90 Prozent der Dialoge wortwörtlich übernommen. Hinzugefügt hat er nur ein Schülerpaar das mit der Handlung nicht direkt zu tun hat, dem Werk allerdings seinen Erzählrahmen gibt. Man kann, wenn man will, den Jungen - Tristan Göbel aus „Tschick“ -, der seine Klassenkameradin (Greta Sophie Schmidt) mit einem „Handschuh“-Besuch beeindrucken und erobern will, als Alter Ego des Machers erkennen, der entsetzten Auges in den Abgrund blickt.

Nicht nötig, jedoch auch nicht störend, bekommt man so zumindest zwischendurch zwei frische, gesunde und ungezeichnete Personen zu sehen. Kurze Momente zum Durchatmen. Aller Rest ist Horror pur. Nach der ersten Leiche - vier Frauen hat der reale Honka nachweislich gedemütigt, sadistisch gequält und umgebracht - macht er sich keine Mühe mehr, die Torsos zu entsorgen. Er stopft sie einfach in Wandverschläge. Um gegen den Verwesungsgeruch (vergeblich) anzukämpfen, schmeißt er billige Duftkarten in Tannenbaumform hinterher. Dabei kümmert sich der Filmemacher um die Figurenzeichnung wenig, er ist weder an einem Psychogramm noch intellektueller Auslotung interessiert. Abbilden, zeigen, dem Buch gerecht werden. Das ist ihm vollends gelungen.

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Zwei klaustrophobe Hauptschauplätze - von Rainer Klausmann („Aus dem Nichts“) perfekt eingefangen und ausgeleuchtet -, treffliches Dekor und ein ebensolches Kostümdesign, dazu deutsche Schlager sowie kaputte Zeitgenossen, deren Welt aus Suff und trostlosem Sex besteht. Wobei deutlich wird, dass Honkas Gewaltausbrüche wohl alkoholbedingten Erektionsproblemen und seinem Minderwertigkeitskomplex zuzuschreiben sind.

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Man kann diese mutige, gnadenlose Tour de Force mit seinem furios aufspielenden Hauptdarsteller Dassler („Das schweigende Klassenzimmer“) hassen, sie ablehnen und ob ihrer gnadenlosen Brutalität verdammen. Das ändert nichts daran, dass der begnadete Filmhandwerker und Kinofreak Fatih Akin eigentlich alles richtiggemacht hat - bestätigt von Romancier Strunk. Sein Film, sein Milieu und sein geschundenes Personal ist abstoßend und geht an die Nieren. Aber genau das muss man erst einmal hinbekommen.

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