Pandemie Wie Mannheimer die Aufhebung der Ausgangssperre nutzen

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Tanja Capuana-Parisi
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Mannheim. Der Frühling liegt in der Luft: Mannheim präsentiert sich an diesem Samstagabend mit sehr milden Temperaturen. Die Innenstadt ist nach 20 Uhr so belebt, wie schon lange nicht mehr. Doch das liegt vermutlich nicht nur an der Witterung: Seit Samstag um Mitternacht ist die nächtliche Ausgangssperre in der Quadratestadt aufgehoben.

Elisa Stemberg und ihr Sohn Jakob nutzen den Abend, um Wahlunterlagen abzugeben und einen Spaziergang zu machen. © Tanja Capuana-Parisi
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Am Friedrichsplatz sind mehrere Gruppen junger Menschen in Richtung Schwetzingerstadt unterwegs. Auf der kleinen Mauer am Plankenkopf haben es sich zwei Männer bequem gemacht, die sich unter freiem Himmel Snacks aus einer braunen Papiertüte schmecken lassen. Einige Meter entfernt genießen Melanie Zub und Manas Meata die klare Nacht. Dass die Ausgangsbeschränkung nicht mehr gültig ist, haben die beiden nicht gewusst. „Eigentlich wollten wir jetzt gleich zurückgehen, wir waren heute schon den ganzen Tag draußen“, erzählt die Idar-Obersteinerin, die zu Besuch bei ihrem Bekannten in Mannheim ist. Für Meata ist die Nachricht ebenfalls eine positive Überraschung. „Ich freue mich darüber“, sagt er.  „Keine wollte die Ausgangssperre haben, aber sie hatte einen Sinn. Die Kontakte wurden so eingeschränkt.“ Zub sieht die Beschränkung kritisch. „Die Leute konnten sich tagsüber trotzdem treffen“, sagt sie. Häufig sehe sie auch große Menschengruppen nah beieinander stehen. Die neu gewonnene Freiheit wollen die beiden dazu nutzen, um noch ein wenig im Freien zu bleiben, so Zub.

Ausgangssperre aufgehoben Unterwegs in Mannheims Straßen nach 20 Uhr

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Zulauf für Fast-Food-Restaurants

Auch die Fast Food-Restaurants freuen sich über Käufer. Einige nutzen den Abholservice eines Restaurants; Mitarbeiter reichen ihnen Burger und Pommes Frites durch ein Fenster. Nebenan läuft eine Familie in die Räumlichkeiten eines anderen Schnellimbiss, um an der Theke zu bestellen. Eine Kleingruppe, die bereits bedient wurde, steuert indessen eine der Bänke am Plankenkopf an, um das noch warme Junkfood zu essen.

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Eine junge Mannheimerin, die ihren Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, läuft auf den Planken in Richtung Paradeplatz. Sie komme gerade von der Arbeit, erzählt sie. Die Aufhebung der Ausgangsbeschränkung findet sie gut. „Man kann Freunde länger treffen“, sagt sie. „Es bringt ein bisschen mehr Lebensqualität.“ Ihr Begleiter ist ebenfalls froh über die Entscheidung.

Die Straßenbahnhaltestellen sind nur wenig frequentiert. Eine junge Brünette sitzt auf der Bank und blickt mit konzentrierter Miene auf ihr Smartphone. Ihre Umgebung scheint sie kaum wahrzunehmen. Vereinzelt laufen vor allem jüngere Bürger die Planken entlang. Auf der einen Seite flanieren zwei Jugendliche in zerrissenen Jeans. Eines der beiden Teenagermädchen lacht über etwas, das das andere erzählt. Auf der gegenüberliegenden Seite geht eine Familie spazieren.

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Am Paradeplatz haben sich nur wenige Menschen niedergelassen. Drei junge Männer sind in ihre Handys vertieft, am Brunnen hört ein Mann über den Lautsprecher Musik, daneben ist eine Gruppe in ein Gespräch verwickelt. Vereinzelt sitzen Bürger mit Getränkedosen auf den umliegenden Bänken. Der Marktplatz wirkt verlassen, und auch am Alten Messplatz ist nur wenig los.

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Aufhebung der Ausgangssprerre als "Auszeit"

Kurz vor 21 Uhr hat ein Eiscafé auf den Planken noch geöffnet. Auch Cela und Hazel gönnen sich die kühle Süßigkeit. Die beiden Freunde wohnen eigentlich in Darmstadt und Sinsheim. „Mannheim liegt in Mitte“, sagt Cela. Man wolle sich nun öfter in der Quadratestadt treffen, wenn die Ausgangssperre weiterhin außer Kraft bleibt. Markus freut sich ebenfalls darüber, dass die Infektionszahlen zurückgegangen sind – und  er abends wieder aus dem Haus kann. „Normalerweise laufen wir abends immer eine Runde da ich aus gesundheitlichen Gründen Sport machen muss“, sagt er und löffelt sein Eis aus dem Becher. „So geht es einem besser.“

Gute Laune haben Elisa Stemberg und ihr Sohn Jakob. „Eigentlich spielt die Aufhebung der Ausgangssperre keine große Rolle für uns“, sagt die vierfache Mutter. Sie sei normalerweise um 20 Uhr ohnehin zu Hause. Doch diesen Abend hat sie genutzt, um ihre Wahlunterlagen beim Rathaus einzuwerfen und mit ihrem Elfjährigen einen Spaziergang zu machen. „Wir brauchten auch eine Auszeit“, gesteht sie schmunzelnd. Denn aufgrund des Lockdowns verbringe die Familie viel Zeit miteinander. „Wir sind ganz brav“, sagt sie. Soziale Kontakte hat die Familie ganz heruntergefahren. „Ich bin froh, einfach mal laufen zu können“, sagt Jakob, für den es unterwegs eine Portion Pommes Frites gab, wie seine Mutter verrät. Künftig wird die Familie weiterhin tagsüber statt abends unterwegs sein. In den Augen der Mannheimerin seien viele Menschen unterwegs, was sie verwundert. Aufgefallen sind ihr auch die überfüllten Müllereimer und Hinterlassenschaften.

Hinterlassenschaften prägen das Stadtbild

Tatsächlich verunreinigen Verpackungsmüll aus umliegenden Restaurants, leere Trinkgefäße und benutzte Gesichtsmasken Sitzbänke, Haltestellen oder Wege. Viele Menschen, die im Freien essen, lassen leere Tüten und anderen Müll einfach achtlos zurück. Ein ähnliches Bild bietet sich im Jungbusch am Steg nahe dem Rheinufer. Ein Duzend leere Flaschen bleibt zurück, nachdem die Konsumenten sich schon lange von ihrem Treffpunkt entfernt haben. Gegen Mitternacht sammelt ein Paar mittleren Alters das Pfandgut kurzerhand ein.

Für Lukas und Melissa bedeutet die Aufhebung ein Gefühl von Freiheit. „Wir haben uns auf jeden Fall gefreut“, sagt die 20-Jährige. Im Jungbusch haben sie Gleichgesinnte getroffen. Die beiden Studenten haben bereits die Nacht zum Samstag genutzt, um bei Dunkelheit ins Freie zu gehen. „Wir haben einen Mitternachtsspaziergang gemacht“, verrät der 22-Jährige und grinst. „Einfach, weil wir es konnten.“ Zudem sei es Samstagabend und warm. Sonst könne man ja abends nur Fernsehen. „Das schlägt einem schon auf die Psyche.“ Melissa ist ebenfalls froh. „Es haben zwar keine Bars offen, aber das Gefühl, dass man wieder raus kommt, ist schön.“

"Ein kleiner Grund zum Feiern"

In der Tankstelle nahe dem Steg holt sich manch einer Getränke und Snacks. Trotzdem wirkt die Jungbuschstraße gegen 23 Uhr wie ausgestorben, lediglich am Ufer sind Spaziergänger und Hundebesitzer unterwegs, die mit ihren Vierbeinern Gassi gehen. Michael hat damit gerechnet, dass mehr Menschen im Jungbusch unterwegs sein würden. „Ich bin ein wenig enttäuscht, dass so wenig los ist.“ In seiner Tasche hat er eine Flasche Wein verstaut, die er mit seiner Freundin Lisa gekauft hat. Bei dem Paar kommt der Wegfall der Ausgangsbeschränkungen gut an. „Ich bin zum ersten Mal seit zweieinhalb Monaten wieder abends draußen“, sagt der Mannheimer.  „Es war für mich ein kleiner Grund zum Feiern“, sagt er. Man wisse ja nicht, für wie lange die Ausgangssperre wegfalle. Lisa, die in Karlsruhe lebt, wurde in den vergangenen Monaten schon mal von der Polizei angehalten, als sie nach 22 Uhr von der Arbeit kam. Sie hofft, dass sie sich künftig nicht mehr rechtfertigen muss, wenn sie um diese Zeit beruflich unterwegs ist. Mit der Ausgangssperre ist Michael zwar klar gekommen, doch er macht sich Sorgen über die wirtschaftlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Konsequenzen des Lockdowns. „Die neue Normalität soll auf jeden Fall wieder entstehen.“

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