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Interview

Aus dem Alltag einer Notfallseelsorgerin

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Wenn Daniela Ramge ihre gelbe Jacke anlegt und den Rucksack packt, dann ist sie im Einsatz. Wenn sie beides wieder ablegt, dann ist sie wieder Privatperson. © Mautry

Daniela Ramge ist 52 Jahre alt, kommt aus Roßdorf, ist verheiratet, hat zwei Kinder, und auch ihre zwei Hunde gehören fest zu ihrem Leben. Seit 2013 ist sie neben ihrem Hauptberuf als medizinische Fachangestellte bei der Darmstädter Notfallseelsorge aktiv. „Wir kommen, wenn die Uhren stillstehen“– so beschreibt sie ihren Berufsalltag, der für den einen oder anderen sicher nichts wäre. Doch gerade weil sich wenige Menschen die Aufgaben, die dieses Ehrenamt mit sich bringt, vorstellen können, möchte Daniela einen Einblick in ihre Arbeit geben.

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Wie bist Du dazu gekommen, Notfallseelsorgerin zu werden?

Daniela: Ich habe 2013 in unserer regionalen Tageszeitung eine Anzeige zu diesem Thema entdeckt. Dort stand, dass man noch Menschen suche, die andere durch die wohl schwersten Momente ihres Lebens begleiten. Ich fand das Ganze interessant und habe kurz darauf einen Vortrag zu diesem Thema besucht, der mich ebenso sehr angesprochen hat. Deshalb habe ich dann an einer einwöchigen Ausbildung in Friedberg teilgenommen, um mich als ehrenamtliche Notfallseelsorgerin schulen zu lassen.

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Wie sieht Dein Alltag als Notfallseelsorgerin aus?

Daniela: Bei uns in Darmstadt gibt es keine festgelegten Arbeitszeiten. Wir sollen allerdings versuchen, rund 56 Stunden Dienst zu absolvieren. Wenn es einen Fall gibt, werden wir von unserer Leitstelle mit ein paar Infos und der Adresse versorgt. Unsere Leitstelle erfährt von dem Fall entweder von der Polizei oder von den Rettungssanitätern. Sind welche auf dem Weg dorthin, so reisen wir gemeinsam mit ihnen an. Andernfalls fahren wir selbst an die durchgegebene Adresse und treten mit den Personen in Kontakt. Diese machen in diesem Moment Schlimmes durch. Wir kommen nun mal immer dann, wenn die Uhren stillstehen. Beispielsweise bei einem schlimmen Verkehrsunfall, einem Todesfall oder einer gescheiterten Reanimation.

Meine Aufgabe ist es, in einem solchen Moment den Hinterbliebenen beizustehen. Wie dieser Beistand aussieht, ist immer situationsabhängig. Es gibt da keinen Leitfaden, wie man zu handeln hat. Manche Menschen möchten über das Erlebte oder über die Vergangenheit sprechen, andere brauchen in dem Moment einfach eine Schulter und wieder andere Ablenkung. So habe ich auch schon mit einer Betroffenen zusammen etwas gekocht, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Die Menschen sind mir und anderen dankbar, dass wir kommen und in diesen schweren Momenten für sie da sind und ihren aktuell festhängenden Blickpunkt auf etwas anderes lenken.

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Meine Aufgabe kann es aber auch sein, Hinterbliebene aus dem Krankenhaus nach Hause zu bringen, wenn ich merke, dass sie es alleine nicht schaffen würden oder diese eben zu ihren Nächsten ins Krankenhaus zu begleiten, wenn ihnen alleine die Kraft fehlt.

Wie gelingt es Dir, das Erlebte nicht mit nach Hause zu nehmen?

Daniela: Manche Sachen nimmt man natürlich bis zu einem gewissen Teil mit nach Hause. Ich bin zum Glück ein sehr geerdeter Mensch und denke mir an solchen Tagen immer, wie gut es mir eigentlich geht und dass man dankbar für jeden Tag sein sollte. Im Einsatz trage ich eine gelbe Jacke und meinen Rucksack. Wenn ich diese zwei Dinge ablege, dann bin ich in diesem Moment auch nicht mehr im Einsatz, sondern Privatperson und lege damit auch die Erlebnisse weitestgehend ab.

Natürlich kann man nicht alles direkt ablegen. Und wenn mich etwas doch mehr mitnimmt als gedacht, kann ich jederzeit mit meinem Mann darüber sprechen und somit Raum für das Erlebte schaffen. Sollte das nicht genügen, gäbe es auch eine Anlaufstelle von meinem Arbeitgeber, zu der ich jederzeit gehen kann oder an die ich mich telefonisch wenden kann, wenn etwas ist oder schiefläuft. Marco Mautry

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